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Das Lied der Tausend Nächte
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Hochzeitsnacht
Der Neue


Der Neue


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"Hulk!"

Mit einem Mal verblasste das faltige Antlitz der Kräuterhexe vor meinen Augen und das Erwachen entriss meinem Gedächtnis, was ich zuvor noch als unverwüstliche Realität empfunden hatte. Hinweggewischt durch einen brutalen Akt von Wirklichkeit. Das Mistvieh war mir direkt auf den Sack gesprungen. Katzen vermögen das mit beispielloser Eleganz und Selbstverständlichkeit.

Flüchtig streichelte ich den Perser und hob ihn behutsam aus dem Bett. Zwar war es früh, aber das Morgengebet zu Sonnenaufgang hatte ich mal wieder verpasst. Zeitig begann das Leben in der Klapse, bestimmt war Malik bereits angekommen.

Malik! Der Name verscheuchte jede Müdigkeit. Seinen ersten Besucher erwartete er. Auf zur Visite!


Die Tür zum Flur des Warteraums klemmte und quietschte. Als wollte man Neuankömmlingen sogleich alle Hoffnung rauben. Die beiden Wächter am Ende des Flurs fielen mir sofort ins Auge. Mit keinem Muskel zuckten sie, während ich fluchend die Tür aufzog und mich mühte, meine Würde zu wahren. Ich drückte das Metall zurück ins Schloss und watschelte über den Gang auf die beiden Muskelberge zu. Fremde, wie zu erwarten.

Der Anführer der beiden Orang-Utans ließ mich mit spöttischer Gelassenheit gewähren, als ich die Klinke zum Warteraum niederdrückte. Lässig klopfte er an den Türrahmen und räusperte sich leise, während ich durch die halbgeöffnete Tür schlüpfte.

Dort saß er.

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"Enttäuscht?", schnarrte Malik nach einer Weile.

"Von Ihnen? Keineswegs. Vorurteilsfrei trete ich jedem Menschen gegenüber", antwortete ich schnell. Die Unauffälligkeit dieses Mannes stach geradezu ins Auge. Mittelgroß, mittelschlank, farblos. Den Bart mustergültig gestutzt, makellose sandfarbene Anstaltskleidung. Kultiviert wie einst Hannibal Lecter.

"Darum beneide ich Sie. Vernehme ich nur die Schritte eines Mannes, stelle ich bereits Mutmaßungen darüber an, worin er mich enttäuschen wird."

Wohlgesetzte Worte, mit Bedacht ausgesprochen. Das gebildete Elternhaus sprach aus dem Kerl. Das sollte mich beeindrucken. Ein Test.

"Verdammen Sie Ihre Vorurteile nicht. Das sind individuelle und kollektive Erfahrungen, die das Überleben sichern. Doch nur den Beginn der Erkenntnis verkörpern sie, nicht ihren Gipfel. Übrigens heiße ich Towbi. Darf ich Sie von den Fesseln befreien?"

Erfreut streckte er mir die Hände entgegen. Mit Handschellen waren sie an dem festgeschraubten Metallstuhl befestigt, auf dem er saß.

"Wer ist der Bär, der mich hier festgekettet hat?"

"Der Leiter des Wachpersonals. Mutige nennen ihn Ratch - die anderen hinter seinem Rücken. Anständig ist er, aber vorsichtig." Guter Ratch, ich hatte ihn gebeten, mir das Entfernen der Handschellen zu überlassen. Eine feine Gelegenheit, Vertrauen aufzubauen. Nach getaner Arbeit schaute ich Malik tief in die glanzlosen Augen. Keinen Millimeter hatte er sich von seinem Stuhl erhoben.

"Was sehen Sie, Doktor? Was verraten Ihnen die Augen eines Blinden?"

"So wenig wie die eines Sehenden. Mögen sie auch das Fenster zur Seele genannt werden, eine Seele konnte ich noch nie in ihnen erblicken. Ich überlege, wo ich Sie hinstecken soll."

Sein Ruhepuls musste am absoluten Nullpunkt liegen. "Bin ich ein Kandidat für die Klapse?"

Genau das hatte ich herauszufinden. "Eigentlich nennen wir das ganze Gebäude Klapse, sowohl den Teil für die Straftäter als auch das Sanatorium."

Ramallah: Quelle

"Und wo bewahren Sie die geisteskranken Straftäter auf? In diesem Raum?" Welch wohltemperierte Ironie. Freundlich, gebildet, gefällig. Was hatte Malik in die Klapse verschlagen? Den Spottnamen für das Palästinensische Staatsgefängnis an-Nabhani kannte er bereits. Wie jeder Neuankömmling.

"Wollen Sie ehrlich zu mir sein, Malik?"

"Mit Absicht lüge ich niemals, Towbi. Glauben Sie mir das einmal - und nie wieder müssen Sie mir die Vertrauensfrage stellen."

Er klang aufrichtig. So nahm ich seine Worte für wahr, bis sie mich zu einer ersten Lüge führten. Das vereinfachte die Therapie. "Schön, dieses Gefängnis besteht aus drei Trakten: Ein kleiner beherbergt psychisch kranke Straftäter, die vor Gott für ihr teils bestialischen Verbrechen nur bedingt schuldig zu sprechen sind, ein größerer Trakt mit dem üblichen Abschaum an Ganoven und ein riesiger - für die Verwaltung." Zwar war das übertrieben, aber in Palästina kam auf jeden bestechlichen und hart arbeitenden Beamten, zwei ebenfalls bestechliche Faulenzer, denen ein einflussreicher Onkel ihren Posten zugeschustert hatte. Allgemeinwissen. "Für Straftäter ist das Gefängnis ein Ort der Langeweile. Nach ein paar Monaten täglichen Einerleis sehnen sie sich nach jeder Form von Abwechslung: Drogen, Sex - gerne mal eine Revolte. Unterhaltung stellt sie ruhig. Die Kranken wiederum landen hier, weil sie dem Leben in freier Natur nicht gewachsen sind. Alleine gehen sie zugrunde oder bedrohen ihre Umwelt. Der Alltag ist für sie voller Chaos und Schrecken, schon in ihm brauchen sie Hilfe. In welchen Trakt soll ich Sie stecken?"

Maliks Pupillen hatten sich bisher keinen Millimeter bewegt. Jetzt glitten sie - wie in Erinnerung an einen vergessenen Horizont - nach oben. "Nach Langeweile sehne ich mich, wie nach sonst nichts."

"Dann ist es entschieden. Bis auf Weiteres sind Sie Patient. Dieselben gesicherten Mauern, dieselben Gitterstäbe an den Fenstern und dieselben Wärter. Bei uns allerdings freundlicher. Wir haben einen Arzt, Gummi-Entchen und Zwangsjacken für schwere Psychosen. Und manchmal sogar Medikamente - wenn wir welche auftreiben."

Ein feines Lächeln umspielte Maliks Lippen: "Dann können alle aufatmen. Großzügig wird sich meine Familie zeigen, wenn sie mich hier sicher untergebracht weiß."

Er wusste um seine Bedeutung und die willkommene Finanzspritze, für die er stand. Antipsychotika, Antidepressiva, Hypnotika - alles knapp bei uns. Die Menschheitsgeschichte hat noch nie einen gesunden Menschen hervorgebracht - und keinen völlig kranken. In der Klapse tummelten sich Unschuldige, Triebtäter, politische Gefangene und gescheiterte Existenzen. Kranke mit kriminellen Neigungen und Schwerverbrecher mit kleinen Macken. Sie alle sollten sicher verwahrt, aber ihnen sollte auch geholfen werden. Nirgendwo sonst fand Palästina Platz für sie.


"Wo wir das geklärt hätten: Wie verrückt sind Sie tatsächlich?"

Wieder dieses feine Lächeln. "Keine Angst, in die Klapse muss ich mich nicht hineinschwindeln. Gerade jetzt vernehme ich zwei Stimmen außer der Ihren. Eine plappert unentwegt auf mich ein. Allein ihr solle ich vertrauen und sonst auf niemanden hören. Die andere kommentiert munter das Wetter. Konzentrieren muss ich mich, Ihnen zuzuhören, Towbi. Das Räuspern des Wächters vor der Tür, als Sie hereinkamen, war das Signal für mich, einem echten Menschen zu begegnen. Nur mein Verstand vermag Trug und Wahrheit zu unterscheiden, nicht meine Sinne. Ich fühle die Berührung des Plapperers, rieche seine ölige Ausdunstung, selbst gesehen hätte ich ihn, bevor ich mein Augenlicht verlor."

Das Beben seiner Unterlippe verriet mehr als jeder Tobsuchtsanfall. Malik war ein Mensch von gewaltiger Selbstkontrolle. Sie aufrechtzuerhalten verschlang seine Energie. Meine erste Aufgabe: Diese Barriere in Trümmer zu legen. Aber vorher sollte er sich einleben. "Erst mal wird es Ihnen bessergehen."

"Wegen Ihrer versierten psychologischen Betreuung, Towbi?"

"Quatsch, einfacher: In der Klapse tragen Sie keinerlei Verantwortung. Die wird Ihnen durch Gefängnisregeln abgenommen. Das gestaltet den Alltag erträglicher. Bis auf die innere Verantwortung natürlich, die Ihnen niemand abnehmen kann. Sie ist verschüttet und wird sich zur rechten Zeit von selbst erheben."

"Erhebt sie sich bei jedem Menschen, diese innere Verantwortung?"

"Betrachten Sie die Welt und entscheiden Sie selbst."

Selbst sein Lachen klang distinguiert. "Ich schätze Ehrlichkeit, Doktor. Erzählen Sie mehr von meiner neuen Heimat. In welchem Viertel liegt sie?"

"Ironischerweise nahe dem Bankenviertel Ramallahs. Scheich Hassan Youseph, ein Mitbegründer der Hamas, gastierte hier kurz, bevor er nach Israel verlegt wurde. Sein Sohn hatte ihn verraten. Zwei Gefängnisse betrieben die Israelis in Ramallah. Südlicher liegt ein Militärgefängnis, in dem auch verhört wurde. Gewaltig ist es, dunkel und bedrohlich. Dieses hier diente immer der Verwahrung und ist freundlicher, praktischer - zumindest für ein Gefängnis."

"Ein bedrohliches Gefängnis erleichtert das Verhör? In Israel dürfen frische Rekruten ihre Verhörmethoden an palästinensischen Strafgefangenen erproben. An den zurückgelassenen Familien üben sie das Durchsuchen von Häusern. Alles hat seinen Nutzen." Er schnüffelte abschätzig. "Wem nützt der Staub hier?" Daran würde er sich gewöhnen müssen. Die Klapse war so schäbig wie ihre Insassen.

Die Tür öffnete sich. Einer der Wächter brachte ein Tablett herein mit der unausweichlichen Anstaltsmahlzeit, begleitet vom Klopfzeichen und Räuspern seines Kollegen. Ein Zeichen für Malik, wie ich jetzt wusste. Doch könnte der Kranke sich kein Klopfen einbilden?

Auf meine Anweisung hatte die Küche zwei Portionen vorbereitet. Malik kostete die gefüllten Weinblätter. Er verzog keine Miene. Ein Muster an Selbstkontrolle.

"Versuchen Sie die eingelegten Gurken. Daran können sie nicht viel versauen. Und der Zucker ist hier ebenso süß wie bei Muttern." Man gewöhnte sich an das lieblos zusammengerührte Essen in der Klapse. Selten fand Nasim etwas Lebensmut, um in der Küche auszuhelfen. Das waren Festtage für Angestellte und Insassen. Das Geheimnis ihres Baklavas: natürlich eine Priese Kardamom.

Ich ließ Malik ein Weilchen kauen und knabberte lustlos an einem bröckligen Teilchen. Dies war keine gesellige Runde. Das Vertrauen des Neuen sollte ich gewinnen, herausfinden, ob er simulierte und wie gefährlich er war. Das unangenehmste jedoch, hatte ich mir zum Nachtisch aufgespart: die bittere Pille. "Mein Freund, bevor wir Ihr neues Quartier beziehen, eine traurige Mitteilung: Ihr Vater ist verstorben. Vor wenigen Tagen. Kein natürlicher Tod, mehr weiß ich leider nicht. Wir gehören zu Gott und kehren zu ihm zurück. Lassen Sie sich Zeit, das zu verdauen." Zusammen mit dem Fraß.

Eine Spur von Kümmernis legte sich um seine Mundwinkel, doch die Augen blieben ausdruckslos. "So hat er denn Guantánamo nicht überlebt. Er wird nicht der Letzte bleiben. Niemand wird dort getötet, aber alle gequält. Sein Alter war den Strapazen der Haft nicht gewachsen. Beide waren wir dort inhaftiert, sind uns aber nie begegnet." Er kaute mechanisch. "Gern hätte ich ihn nochmal gesprochen."

Ich drückte seinen Unterarm, wollte meine Anteilnahme in warmherzige Worte kleiden. Freundlich wehrte er ab: "Es ist gut! Wer Krieg führt, stirbt an ihm auf die eine oder andere Weise. Vielleicht verhilft der Tod seinen Kindern zu Frieden. Lassen Sie uns aufbrechen, in diesem Wartesaal finde ich keine Ruhe."

Er griff nach seinem Blindenstock, stand auf, ging zwei Schritte zu Tür - und strauchelte. Gerade noch konnte ich ihm beispringen.

"Danke, Towbi. Die Auswirkung der Trauer habe ich wohl unterschätzt. Würden Sie mich führen?"

Seine Stimme blieb fest, aber seine Beine waren Gummi. Ich bugsierte ihn aus dem Raum, den Gang entlang, durch die Eisentür, in den Krankentrakt. Seine Begleiter folgten uns wachsam in einiger Entfernung. Zweimal wurde uns aufgesperrt, vergleichsweise oberflächliche Sicherheitsmaßnahmen, ernsthafte Fluchtversuche wagten nur wenige - im Gegensatz zum Gefangenentrakt! Die Ankunft eines Neuen hätte dort für Freude und Aufruhr gesorgt, hier ernteten wir vereinzelt neugierige Blicke. Ich verfrachtete Malik aufs Bett. Sein Atem flatterte wie ein Kolibri. An Ruhe war nicht zu denken.

"Ihr Einzelzimmer, Kalif. Ein kleines Privileg, im Krankentrakt haben es wenige, denn Gesellschaft begünstigt die Heilung." Die geräumigste Zelle war für Malik freigemacht worden. Ungern hatte ihr Vorbesitzer sie abgetreten, der Geruch von Rauch und aromatisiertem Tabak steckte noch in den Wänden. "Komfortabler als auf Guantánamo, oder? Besteht das Straflager denn noch? Ich dachte, irgendsoein Präsident hätte einen Nobelpreis für seine Schließung abgestaubt."

Malik ging auf meine launige Frage ein: "Erst nach gewonnener Schlacht sollte man Krieger belobigen, selbst für den Frieden. Guantánamo besteht noch immer, erst kürzlich wurde ich entlassen. Ein Hoch auf die amerikanischen Freiheitsrechte."

"Was hat man Ihnen vorgeworfen?"

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"Nichts, Geheimnisse wollten sie mir entreißen. Gerüchten zufolge ist es ihnen gelungen, aber das sind Lügen, mit denen man mich bedrängen wollte. Ich hüte mein Wissen und meine beiden Begleiter unterstützen mich dabei. Jetzt aber, wo mein Vater gegangen ist, werden sie überflüssig."

Ich verstand. Die Wächter beschützten nicht uns vor ihm, sondern ihn vor uns, vor Entführung und Vergeltung. Erfreulich, wenn die beiden Orang-Utans das Haus bald verließen. Unseren Aufsehern im Krankentrakt wurde eingebläut, mit der Rechten zu helfen und nur mit der Linken zu wachen. Viele Wärter bemühen sich, in den Krankentrakt versetzt zu werden. Hier beförderte man nach Leistung, nicht nach Familiennamen. Mancher hatte selbst hier eingesessen, als die Klapse noch unter jüdischer Fuchtel stand. Alteingesessene waren vorsichtig, nicht sehr mitleidvoll, doch hatte so mancher im Umgang mit den Kranken sein Herz wiedergefunden.

"Können Sie Ruhe finden? Soll ich Ihnen ein Mittel besorgen?"

"Kein Valium, Doktor. Danke. Wozu schlafen? Die Qualen im Traum übersteigen meist die Verfehlungen des Tages, von denen wir und des Nachts reinzuwaschen hoffen. Wissen Sie, wie ich einschlafe, wie ich den Übergang erlebe, von dieser in die andere Welt? Ich lausche den Stimmen meines Wahns, den Geschichten, über die sie sich auslassen, den Hirngespinsten, die sie mir einzutrichtern versuchen. Bis die Stimmen mit einem Male zur Wirklichkeit werden und ich zum Traum - und wir beide die wundersame Veränderung durchlaufen, die wir aus unseren Träumen kennen. Im Gegensatz zu Ihnen, Towbi, durchlaufe ich dieses Stadium bei vollem Bewusstsein. Erst in der Welt des Traums verliere ich die Skepsis, das Urteilsvermögen und meine Fassung; werde zum Spielball meiner Trugbilder, wie alle Schlafenden."

Träumen Blinde eigentlich in Bildern? Malik schon, er musste des Sehens früher mächtig gewesen sein. Was erzählten diese Bilder über sein Leiden? "Was versuchen Ihnen die Stimmen einzureden, mein Freund?"

Ungeduld bemächtigte sich seiner Stimme: "Analysieren Sie mich nicht, Doktor! Was ich Ihnen erzählen möchte, ist ein mächtiges Geheimnis. Es ist nicht die Geschichte eines schlafenden Menschen, sondern die Geschichte des Schlafs an sich. Sie hören keine fremden Stimmen vor dem Einschlafen, höchstens Fetzen von Erinnerung und Phantasie. Aber Ihnen passiert das Gleiche. Erst liegen Sie im Bett und träumen vor sich hin, mit einem Mal träumen Sie, Sie liegen im Bett. Kein Gedankensprung, nur ein unmerklicher Schritt von außen nach innen. Ein Gedanken-Quant. Deshalb fürchten Sie sich ein Leben lang vor den Monstern unter Ihrem Bett. In dem Moment, wo sie noch wach sind, können da keine Monster sein, einen Augenblick später - wenn Sie nur noch träumen, wach zu sein - schon. Das Bewusstsein bemerkt nicht, wie es erlischt."

Die Monster unter meinem Bett. Oh ja, ich kannte sie. Je reifer ich wurde, umso trickreicher gaben sie sich. "Und so schlafe ich ein? Jeden Tag?" Wie den Meisten blieben mir von meinen Träumen nur Bruchstücke.

Malik wurde fast väterlich: "Glauben Sie mir, erhaben und mächtig sind unsere Träume. Manchmal zumindest. Inspirierender sind sie als die Menschen, die sie vergessen. Ein Mann der Wissenschaft sind Sie, ein Mann des Mittelmaßes. Träume werden für Spinner geträumt, für Leute wie mich. Erinnern Sie sich an ihren letzten Traum, Towbi?"

Ich grübelte, schüttelte dann den Kopf: "Eine alte Frau, ihr Gesicht leicht verschwommen wie in einem Spiegel. Einem Spiegel, in dem ich mich eigentlich selbst hätte sehen müssen. Nur an das Ende von Albträumen erinnere ich mich. Haben Sie Albträume?"

"Albträume? Nichts finde ich grauenvoller als das Leben."

"Wie schade. Und erotische Träume?"

"Zuweilen", bekannte er mit einem Lächeln, "obwohl manche Frauen mich mehr ängstigen als die Monster unter meinem Bett."

Ein Mann, dem die Monster seiner Phantasie auch tagsüber verfolgten. Sollte ich ihn bemitleiden oder bewundern? So klug und doch nicht in der Lage, ohne Hilfe klar zu kommen. Das Geld seiner Familie hatte ihn bisher davor geschützt, in der Gosse zu landen. "Wann haben Sie ihr Augenlicht verloren?"

"Vor drei Jahren, noch vor Guantánamo. Entzündete Sehnerven. Möglicherweise eine Vorstufe von Multipler Sklerose. Meine Wahnvorstellungen erschwerten die Diagnose. Die richtige Behandlung, mit Cortison, erfolgte zu spät."

Vor drei Jahren vermochte er noch zu sehen? Damit konnte seine Erblindung den Wahn nicht hervorgerufen haben. Ein Kindheitstrauma? Alles war möglich. Manchmal verursachte kein Trauma die Störung, sondern ein geschädigtes Hirn. Mein seltsamer Patient schien seine Blindheit nicht zu bedauern. Ein weiteres Rätsel. In allen Gliedern kribbelte es mir, ihn unter Druck zu setzen, aber nicht heute. Nur eine Frage konnte ich mir nicht verkneifen, vielleicht würde sie die Trauer fördern: "Ihr Vater, Malik, hat er sie gefürchtet, die Monster unter seinem Bett?"

Das traf. Er schloss die Augen, wie, um den unglücklichen Gedanken abzublocken. "Vermutlich. Mancher nannte ihn einen großen Mann. Doch nicht mal bis zum Horizont reichte sein Blick."

Er hob seine Lider und schaute dorthin, wo er mein Gesicht vermutete: "Mein Urteil ist messerscharf. Wäre ich in Freiheit und ein Richter, würde ich mich vor Gott damit versündigen. Ich bin hier gut aufgehoben, Towbi. Vielleicht werde ich die Klapse nie mehr verlassen. Was ist mit Ihnen? Wie lange sitzen Sie schon ein?"

Dieser pfiffige Halunke hatte mich durchschaut! Keine Sekunde durfte ich ihn unterschätzen. "Wie haben Sie es herausgefunden?"

"Als Sie mir die Handschellen abnahmen, konnte ich über Ihre Kleidung streichen. Sie tragen die gleiche Anstaltskleidung wie ich. Sind Sie studiert?"

"Sechs Semester Medizin und Psychiatrie in der al-Quds. Ich spiele nicht leichtfertig mit den Patienten", versicherte ich. "Und möchte helfen."

Die Pause, die er machte, entsprach der Bedeutung seiner Antwort: "Ein kluger Mann bist du, Towbi. Sei versichert, es bedarf eines klugen Mannes, um einem Irren von einem klügeren Mann als sich selbst zu überzeugen. Besuch mich wieder, richte über mich und heile mich, sofern ich auf Heilung hoffen darf."

Ich deutete eine Verbeugung an, was seinen Worten über meine Klugheit freilich hohnsprach. "Deine Seele mag angeschlagen sein, Malik. Doch dein Verstand ist bei dir. Nur einen traf ich jemals, der über seinen Wahn ähnlich gescheit reflektieren konnte wie du."

"Den würde ich gerne kennenlernen."

"Leider unmöglich." Ein wohlbekannter Schatten senkte sich über mein Herz. "Er hat es nicht geschafft."

Ich verabschiedete mich und verließ die Zelle, deren Größe an Malik verschwendet war. Ein sorgsam abgestimmter Medikamenten-Cocktail kombiniert mit fortlaufender Therapie und Malik könnte ein bescheidenes Glück finden in der Klapse. Und Nasim? Sie hatte sich ein Gefängnis in einem Gefängnis erschaffen. Konnte ich ihr zum Ausbruch verhelfen?



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